Europamarathon 2008 Görlitz-Zgorzelec
Am Sonntag, den 25. Mai 2008 war es dann wieder mal soweit: es galt die komplette Marathondistanz über 42,195 km in Görlitz beim Europamarathon Görlitz-Zgorzelec zu bewältigen. Für Steffi stellte diese Distanz die Premiere dar und galt als eines ihrer größten Lebensträume. Der verwendeten Zeitform "galt" kann man entnehmen, dass Sie es geschafft hat... aber wie?!
Für mich war es der dritte Kampf gegen die berühmteste Laufstrecke. Ich hatte mit Görlitz noch eine Rechnung offen, die ich begleichen wollte. Zwei Jahre zuvor lag ich bis zum 30. Kilometer sehr gut auf "3 h 25 min Kurs", brach dann aber derb ein und schleppte mich das letzte Stück ins Ziel bei 3 h 35 min. Ich wollte die 3:30 h knacken... Mir graute es schon sehr vor den mir bevorstehenden Schmerzen.
Steffi und ich hatten uns abgestimmt, dass ich zunächst mit ihr die ersten 21,1 km gemeinsam laufe und dann auf persönliche Bestzeitjagd gehe. Soweit der Plan...
Wiederum hatten wir an diesem Sonntag ein herrliches Wetter gebucht. Zumindest empfand ich das so. Steffis erster Blick nach dem Augenöffnen um 06:45 Uhr aus dem Fenster erbrachte nur ein: "So ein Mist!" Ich konnte mir ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen. ;-)
Die Sonne schien, der Himmel war strahlend blau und die Wetterfrösche prophezeiten ca. 25 Grad.
So fuhren wir gemeinsam um 08:00 Uhr gen Bundesgrenze in die Perle des Ostens - nach Görlitz. Steffi wurde mit immer näher rückender Startzeit sichtlich ruhiger (angespannt und nervös) und so stieß ich mit meinen Schilderungen über den doch sehr anspruchsvollen Streckenverlauf auf wenig Verständnis und erntete den ein oder anderen vorwurfsvollen Blick.
Um 10:00 Uhr war es dann endlich soweit und das 584 starke Läuferfeld (160 Marathonis und 424 Halbmarathonis) setzte sich mit uns in Bewegung. Die Strecke führte uns gleich über die Stadtbrücke (über die Neiße) nach Polen, wo uns der erste lang gezogene Anstieg erwartete. Wir liefen relativ entspannt ca. 5 km/min und überquerten erneut die Stadtbrücke nach 10 km in 51 Minuten. Es muss noch erwähnt werden, dass ich Steffi fast zum Trinken an den ersten beiden Verpflegungsstationen zwingen musste. Ihr Kommentar: "Was jetzt schon was trinken?" Sie konnte noch nicht ansatzweise abschätzen, was ihr noch bevorstand...
Wir setzten unseren Lauf weiter ganz entspannt fort, genossen die Anfeuerungen der zahlreichen Zuschauer am Streckenrand und liefen die zweiten 10 km fast identisch in 51 Minuten. Man konnte aber hier und da schon leichte Verschleißerscheinungen in den Beinen feststellen. Nicht dramatisch aber spürbar... Steffi hatte zudem mit einem flauen Magen zu tun. Ich konnte sie dann aber nach langem reden endlich dazu bewegen einen leckeren Energieriegel zu verzehren und auch ein Stück Banane nebenbei zu kauen. Und siehe da, es wurde besser. Was man allerdings nicht von unseren Durchgangszeiten behaupten konnte. Wir wurden merklich langsamer, obwohl Steffi behauptete, dass ich anziehen würde. Die Kontaktschleife zum Halbmarathon bei 21,1 km überquerten wir bei 1:48 h. Eine recht ordentliche Zeit - drei Minuten hinter meinem anvisierten Schnitt. Eigentlich wollte ich nun planmäßig allein weiter laufen. Ich konnte mich aber nicht so recht durchringen, Steffi allein zu lassen. Es war nicht zu übersehen, dass sie nicht mehr so frisch war. Als sie mich schließlich nach wenigen Kilometern fragte, ob ich mit ihr zusammen finishen könnte, gab ich mein ambitioniertes Ziel auf und blieb bei ihr. Wer würde das nicht für seinen Partner machen? Ich dachte mir, dass ich alles dafür machen muss, dass sie das Ziel erreicht und nebenbei vielleicht noch eine gute Zeit dabei rum kommt. Und lange, anstrengende Strapazen lassen sich bekannterweise besser gemeinsam durchstehen.
Ich fand es sehr lieb und bemerkenswert, dass zwischen den offiziellen Verpflegungsstellen von Zuschauern eigenständig weitere eingerichtet wurden. Man konnte fast aller 3 km mit einem Schluck Wasser rechnen. Und eins kann ich sagen, im weiteren Verlauf waren wir für jeden Becher dankbar!
Wir liefen auf die 30 km-Marke zu, welche eine weitere von den Veranstaltern eingebaute Schleife mit einem sehr lang gezogenen Anstieg einläutete. Den Abschnitt 20-30 km liefen wir in 54 Minuten.
Ein Passant rief uns nebenbei zu, dass Steffi die 6. Frau wäre. Und etwa 500 m vor uns lief Nummer fünf... eine scheinbar ältere Frau in einer feuerroten "Top - sehr knappe Hose - Laufkombination". Ich war sofort "Feuer und Flamme", wurde jedoch einerseits von Steffi und andererseits von stark zunehmenden Knieschmerzen in meinem Tatendrang eingebremst... Denn ab jetzt wurde es langsam richtig hart. Die Muskeln schmerzten nun immer mehr und jede Verpflegungsstation wurde von uns für reichliche Trinkpausen genutzt. Meine beiden Knie brauchten eindringliche Zurede von mir, damit sie nicht drohten den Dienst zu verweigern. Kreislaufmäßig war ich fit wie selten (Durchschnittspuls 152 über die gesamte Distanz). Der Motor lief top, doch das Getriebe knirschte etwas. Durchhalten - Meter machen, die letzten 10 km schaffen wir noch! Ich versuchte das Tempo "heimlich" etwas zu forcieren, was Steffi aber nicht so prickelnd fand. Ich rechnete hin und her und setzte uns als Ziel, die 3h 45 Min-Marke zu erreichen. Durch den Wechsel der Lauftechniken relativierte sich auch mein Knieproblem. Unsere beiden ständigen polnischen Begleiter verdrückten sich jetzt sogar in unseren Windschatten und konnten unser Tempo beim letzten Anstieg "Weinberg" in Görlitz nicht mehr halten. Es war sehr schön, die Kilometrierung 40 zu passieren - nur noch 2,195 km: ein Klacks! Zudem gesellte sich ein Radfahrer zu uns, der Steffi via großem Schild als 5. Frau über die Marathondistanz ankündigte. Er überhäufte sie mit bewundernden und aufmunternden Worten, welche tolle Leistung sie angesichts dieser schweren Strecke vollbracht hätte, was uns die letzten Körner mobilisieren ließ und in einem phänomenalen Zielspurt durch das "Bad in der Menge" gipfelte.
Jeder, der seine persönlichen Grenzen schon einmal überwunden hat, weitergekämpft und seinen inneren Schweinehund bezwungen hat, kennt dieses unbeschreibliche Gefühl im Ziel. Ich bin sehr stolz auf uns!



Gänsehaut!!!
...vor allem der Schluss. Ich verneige mich!