Flachland, Kasernen und geklebte Reifen
Mecklenburger Fahrradtörn 2007
Michi hatte Franco und mich mit dem Argument "ach dort oben ist es übelst flach, da geht was" und "bei der Teamwertung ist ein Treppchenplatz drin" zum Mecklenburger Fahrradtörn überredet und uns entsprechend motiviert. Dieser sollte uns auf zwei Etappen und bei einem Einzelzeitfahren mit einem Schnitt von irgendwas über 38 km/h rund um und durch Parchim führen.
Freitag frei genommen, Arbeit, Arbeit sein lassen und in der früh mit drei Rädern, den beiden Helden der Asphaltstraße Franco und Michi in Francos Astra geklettert und schon waren wir auf der Autobahn Richtung Mecklenburg.
Taktische Wortgeplänkel, Kursanalysen und nicht nur eine Pinkelpause bestimmten unsere Zeit bis zur Ankunft in Parchim.
LüttPütt hieß unser auch durch Michi recherchiertes, auf unsere Bedürfnisse perfekt abgestimmtes, auf einem ehemaligen NVA-Gelände gelegenes Quartier. Das mit der NVA mussten wir nicht recherchieren, sondern wir sahen es auf den ersten Blick. Doppelstockbettenatmosphäre und Frühstückssaal wie zu Grundschulzeiten in der Abgeschiedenheit des Nordens herrlich und genau das richtige für ein weiteres Wochenende Radsportgeschichte!
Für den Nachmittag war die erste ca. 70 Kilometer lange Etappe angesetzt, die wir als Einzige für dieses Wochenende vollständig trocken absolvieren sollten.
Ein übersichtliches Fahrerfeld von ca. 45 Startern rollte beim Vorstart einige Kilometer aus Parchim heraus um sich dann zügig in Bewegung zu setzen. Das Tempo blieb aber für mittlerweile ein wenig erprobte Rennfahrer wie uns recht angenehm und wurde auch nach Kurven oder an "Bergen" nicht atemberaubend verschärft. Hab ich gerade Berge geschrieben? Ja! Michi's Hauptargument wurde schon beim einrollen entkräftet, da wir doch tatsächlich, für den Norden Deutschlands recht akzeptable, Höhenmeter bewältigten. Nicht alle bedingt durch Autobahnbrücken!
Franko und Michi fuhren meist an der Spitze platziert und da wir so einen ruhigen Schnitt bei Hobbyrennen nicht gewohnt und immer ein wenig nervös sind, begannen wir der Reihe nach mit Ausreisversuchen. Franko trat bei der ersten Sprintwertung großzügig bei der 1000 m - Marke an, wurde aber vom Feld, welches dann doch beachtliche Geschwindigkeit aufgenommen hatte überrollt. Ich wurde in der zweiten und dritten Runde je einmal nervös, musste aber auch eingestehen, dass wenn das Feld nicht möchte, dass einer Jens Voigt beim ausreißen spielt das zu verhindern weiß.
Recht aussichtsreich mutete Michi's, für ihn glaube ich recht überraschender Weggang mit einem Kollegen, bei dem der Schriftzug "Attacke" auf dem Rahmen prangte. Die beiden waren gut 30 Meter vom Feld weggekommen traten aber auch nicht mit letzter Konsequenz in die Pedale und mussten sich wieder einreihen.
Letztendlich war Michi beim abschließenden Massensprint am kaltschnäuzigsten und drückte als 11. über die Ziellinie. Vor Franco's Namen stand eine 30 und vor meinem eine 32 auf der Ergebnisliste dieses Tages.
Nudeln im sponsernden Autohaus war ein Teil der gelungenen und sehr entspannten Organisation.
Unser Abend in der "Freizeitkaserne" bestand aus Nudeln kochen und Fernsehen in übler Qualität. Da aber die Doppelstockbetten riefen, dauerte diese Anstrengung nicht zu lang.
Tag zwei bot zwei Überraschungen:
Erstens: So lange kann man im Bett den Tag verbringen - bis Mittag ging außer frühstücken, tour lesen und schlafen nichts in unserem Jugendherbergszimmer. Anschließend machten wir unsere Räder "zeitfahrtauglich" was bei Franko das Anbringen des Zeitfahraufsatzes und verändern der Sattelposition beinhaltete, sich bei Michi und mir auf putzen und Sattel ein wenig nach vorn neigen beschränkte. Michi benötigte ein wenig Beruhigung ,weil er sich Sorgen machte, dass ein fehlender Zeitfahrlenker auf 22 Kilometer enorm viel ausmachen würde.
Auf feuchter Straße rollten wir zum Start und wurden von Überraschung zwei geringfügig eingeschüchtert. Zeitfahrmaschinen wie bei Tour de Franceübertragungen mit dazugehörigen Männern in voller Montur kamen uns entgegen. Am Straßenrand surrten die Rollen auf denen sich andere warm fuhren.
Einfach komplett durchdrücken und keinen Tritt auslassen lautete unsere Devise und schickte mich mit dem Kommentar "sieh mal das ist ein Hobbyfahrer" eines Zuschauers auf die Strecke. Bis Kilometer 12 hielt ich mich ans durchtreten mit allem was geht. Dann löste sich mein Sattel und stellte sich mit der Spitze 45 Grad Richtung wolkenverhangenem Himmel. Na toll! Kurzes anhalten und hektisches rütteln brachten keine gewinnbringende Veränderung der nicht mehr zeitfahrtauglichen Sitzposition und ließen mich fluchend weiterfahren. 21. Platz und 4:12 Minuten Rückstand auf den Ersten waren ein akzeptables Resume für einen Hobbyfahrer wie mich. Franko ließ sich nur 2:20 Minuten abnehmen und glänzte mit einer nach Zeitfahrspezialist riechender Zeit auf dem doch recht
welligen Kurs. Michi war sauer auf sich, er musste sich, ungewohnter Weise hinter mir auf der Ergebnisliste einordnen und war ungewohnt unzügig an diesem Tag. Er musste im Sprühregen auf den Kurs, hatte niemand vor sich und hat wohl die Devise des Tages nicht vollständig umgesetzt. Das mit dem hinter mir einordnen wird er beim Bautzener Einzelzeitfahren wieder gutmachen.
Einem entspannten Abend folgte eine Nacht in der sich Fieberschübe als aufgedrehte Heizung und der vorher verschlafene Tag als Nachtschlafkiller herausstellten.
Der Sonntag weckte uns mit Regen und dieser löste sich auch erst nach der dritten und abschließenden Etappe auf. Ein wenig euphorisch aufgrund unseres dritten Platzes der Mannschaftswertung und gleichzeitig dem Regen trotzend rollten wir zum Vorstart der etwas über 90 Kilometer langen Etappe. Die Viertplazierten im Auge behalten und abwechselnd bei Attacken mitgehen war unsere Strategie an der wir anfänglich erfolgreich festhielten. Als Krönung sollte Michi bei einem Massensprint alles auf eine Karte setzen und was reißen.
Am Vorstart wartend, schon völlig durchgeweicht und zitternd wandelte sich unsere Hauptmotivation in "Etappe sturzfrei fahren, den Dritten halten wir schon".
Auf gings und den Angriffsversuchen des viertplazierten Teams Westpoint setzten wir uns entgegen und hatten immer jemand am Hinterrad des Ausreißers.
Dann plättete Michi's bisher pannenfreier Schlauchreifen und die Mannschaftswertung war gelaufen. Da die Etappe wieder nicht an unsere Grenzen ging versuchten Franco und ich unser Glück in einigen Einzelaktionen. Das in diesen Situationen geschlossen agierende Feld holte uns aber immer wieder ins selbige zurück, so dass wir geschlossen in Parchim einrollten.
Beim Massensprint riskierten wir nicht viel und rollten mit dem Feld in Michi's Arme, der sichtlich zerknirscht auf uns wartete.
Ich gehe nicht auf den Spott ein, den Michi erntete und ende mit einem herzlichen Dankeschön an die Organisatoren des Fahrradtörns und Franco fürs Fahren.

