Mount Everest Treppenmarathon - Diesmal tat' weh

Erstellt von Ralle | |   Laufsport | Marathon

Ein Kumpel sagte: “Der Schmerz geht, der Stolz bleibt”, bei den Kampfschwimmern heißt es: “Lerne Leiden ohne zu klagen”. Allerding ist der Schmerz noch nicht gegangen und wenn ich schon Leide, dann soll es auch jeder hören!

Nachdem die Schmerzen des Treppenlaufes 2014 vergessen waren, formte sich im Spätsommer 2014 das Team für die 3er Seilschaft. Es war das Team, was 2013 überraschend gewonnen hatte: ich, Franco Loreck und Stephan Wolf. Stephan war besonders heiß und wollte schon im September mit dem Training beginnen. Gesagt geschehen und die ersten Einheiten wurden noch im Spätsommer absolviert. Es hingen sogar noch Trauben am Hang. Dann die erste von einigen bösen Überraschungen: So anstrengend hatte ich das Training gar nicht in Erinnerung, das steile Stück der Treppe bin ich kaum hochgekommen. Zuhause dann die Gewissheit, ich hatte tatsächlich 8-10kg zuviel drauf. Klingt vielleicht seltsam, aber dass war mir bis dahin nicht aufgefallen. Im September trainierte ich zusammen mit Stephan, den Rest des Jahres 2014 dann allein. Insgesamt habe ich versucht, viel Variation ins Training zu bekommen.

Für Tage, an denen der Rücken wehtat, habe ich eine rückenschonende Trainingsvariante entwickelt. Neben dem Training versuchte ich gleichzeitg die Kilos loszuwerden und die Rückenbeschwerden in den Griff zu bekommen. Im Winter 2015 wurde es dann turbulent. Erst verabschiedete sich ein Teammitglied nach dem anderen, dann ergab sich ein relativ kurzfristiger Umzug nach Ingolstadt. Hier gibt es aber keine Berge, so dass die spezifische Vorbereitung Ende Februar endete. Die Triathleten vom ESV Ingolstadt versuchten tapfer mich in Form zu bringen.

Neben diversen Läufen gab es in der Jugendherberge in Dresden ebenfalls einen Treppenlauf. Eine nette Veranstaltung, leider waren nur wenige Teilnehmer am Start.

Nachdem nacheinander 3 Teammitglieder verschlissen waren, stand eine Woche vor Wettkampfbeginn das Blind Date Team: Ralf Zenker, Timo Forstner und Enrico Zeiske. Timo war Neuling auf der Treppe, Enrico gehörte zum Siegerteam des Vorjahres, sein Team musste sich aufgrund von Verletzungen zurückziehen. Während Enrico trainiert hatte und wusste, worauf er sich einlässt, absolvierte Timo einen Crashkurs und lebte von seiner hohen Lauffitness. Neu dieses Jahr war, dass Enrico seinen Bruder als Betreuer mitbrachte. Er kümmerte sich um Taktik, beobachtete das Rennen und schickte uns rechtzeitig zum Wechseln.

Zwischendurch mal etwas Statistik: Streckenlänge: 84,390 km Höhenunterschied: 8848 m Anzahl der Stufen: 39700 aufwärts, 39700 abwärts, gesamt 79400 Stufen. Damit kann man wunderbar angeben und es klingt nach Extremsport. Für die Einzelläufer ist es auch Extremsport, bei den 3er Seilschaften ist es anstrengend aber nicht extrem. In der 3er Seilschaft wird die Strecke zwischen den Teammitgliedern aufgeteilt.

Die direkte Vorbereitung vor dem Wettkampf lief gut. Ich freute mich, außerdem sah ich meine Teamkollegen beim Lauf ja zum ersten mal. Als ich ankam, trank ich erstmal einen Kaffee, was sich als nächste böse Überraschung entpuppen sollte: Ich bekam ca. 10Min später Bauchschmerzen, die auch nicht mehr weggingen. Einen 12-13h Wettkampf schon mit Magenproblemen zu beginnen, das sind nicht so gute Vorraussetzungen.

Ich begann als Startläufer, immer noch mit Bauchschmerzen. Was sich schon angedeutet hatte, zeigt sich jetzt: Das Rennen war in der Breite und Spitze viel besser besetzt als in den letzten Jahren. Nach den ersten Runden lagen wir auf Platz 8. Auch beim Einzelwettkampf hatten bis jetzt viel weniger Teilnehmer aufgegeben als in den Vorjahren. Im ersten Drittel pegelten sich meine Zeiten langsam ein, leider etwas langsamer als gedacht. Im Training hatte ich schon teilweise Probleme mit schnellen Zeiten, habe aber soviel an der Treppe trainiert wie noch nie und war mir daher sicher, das Tempo bis zum Schluss auch halten zu können. Auffällig war, dass ich bergab nicht so schnell war wie in den Vorjahren. Dafür lebte mein Rücken aber noch. Enricos Zeiten waren gut und auch Timo kam super klar.

Vorne zogen 4 Teams weg, einige andere Teams waren zwar noch vor uns, aber nicht unbedingt viel schneller. Durch die starke Besetzung des Wettkampfs war mit dem Sieg definitv nicht zu rechnen, somit lief es gut. Doch war mir etwas mulmig, ich ernährte mich sehr vorsichtig wegen meinem Magen und irgendwie war der Wettkampf anstrengender, als ich ihn in Erinnerung hatte. Die Nacht war die kälteste, die ich beim Treppenlauf erlebt habe. Das Thermometer fiel auf -1 Grad. Allerdings war ich vorbereitet und hatte genügend Klamotten dabei.

Um ca. 4:30Uhr hörte ich dann die ersten Vögel zwitschern, das hebt die Stimmung und man freut sich auf den Sonnenaufgang. Allerdings wurden mit dem Vogelgezwitscher auch meine Zeiten langsamer, so dass hier was definitiv nicht in Ordnung war. Da noch über die Hälfte des Rennens vor uns lag, war das überhaupt kein gutes Zeichen. Machen konnte ich da erstmal nix, nur aufpassen und in mich reinhören. Bei der Ernährung wurde ich noch vorsichtiger, achtete aber schon daruf, genügend Kohlehydrate zu mir zu nehmen. Gegen 5 Uhr wurde es langsam hell. Das ist jedes Jahr ein Highlight, aber dieses Jahr war es etwas ganz besonderes. Mir ging es schlecht und freute mich über alles positive: Essen, Trinken, der duftende Strauch am Beginn der Treppe, das Gezwitscher oder jetzt den Sonnenaufgang. Normalerweise müssen die 70 Runden vergehen, ohne dass jemand schwächelt. Neben dem Magen, dem es wieder gut ging, fühlten sich meine Oberschenkel jetzt nicht mehr gut an. Ich hoffte, eine 25 minütige Massage hilft. Das tat zwar gut, half aber nicht. So kannte ich das nicht aus den Vorjahren. Dieses Jahr gab es keinen Platz auf dem Treppchen, gleichzeitig würde es mein schwerster Wettkampf werden. Den anderen beiden ging es gut, Enrico grinste die ganze Zeit und Timo sagte ab und zu wie toll er den Wettkampf findet.

Die erste Hälfte des Rennens war fast um, wir waren mittlerweile auf Platz 5 vorgekommen. Nach hinten schien die Position erstmal sicher, vorausgesetzt ich brach nicht völlig ein. Ich sagte den anderen, dass bei mir was nicht in Ordnung ist, ich kann keine guten Zeiten mehr laufen, denke aber durchzukommen. Rein sachlich kam ich nicht so richtig durch, sie dachten wahrscheinlich ich brauche moralische Unterstützung und wurde für jede noch so schlechte Runde besonders gelobt. Im Prinzip ging nach vorne aus eigener Kraft sowieso nix mehr, sodass vermutlich auch meine schlechten Zeiten für Platz 5 reichen könnten. Halb 6 hatte ich kurz Pause und mir wurde richtig kalt, ich begann zu zittern. Allerdings hoffte ich dadurch wieder locker zu werden (Beine ausschütteln!). Auch das war mir neu, sowas gab es in den Vorjahren nicht. Dann hatte ich die Lacher auf meiner Seite, als ich bei einem Wechsel loslaufen wollte, als das “Team Endurace Radebeul & Friends” wechselte. Ich hatte ihren Läufer mit Timo verwechselt. Anschließend beschwertte ich mich natürlich bei Ulf, dem Veranstalter, über die schlechten Lichtverhältnisse, kam aber auch da nicht durch. Generell wurde ich sehr langsam im Kopf. Scheinbar passte sich mein Denktempo dem Lauftempo an.

Es wurde Vormittag, die ersten Zuschauer, die nicht die Nacht ausgeharrt hatten, kamen an die Strecke und auf dem Papier sah es gut aus mit Platz 5. Ich wurde allerdings immer schwächer und jetzt auch noch steif. Das bewirkte, dass ich auch auf den Abschnitten bergab nicht mehr so schnell konnte und gleichzeitg nicht mehr richtig locker wurde. Es wurde ein Überlebenskampf und machte schon lange keinen Spaß mehr. Das war nicht mehr der coole Wettkampf der Vorjahre, das war die Hölle. Spätestens ab jetzt war es eine Grenzerfahrung. Es war aber noch zu früh, um mich im Team zu schonen, ich musste meinen Anteil selber laufen. Der Protagonist meines Lieblingshörbuch während des Treppentrainings sagte immer: “Das Schicksal ist unsausweichlich!” Ich werde hier noch mindestens 4 Stunden leiden. Da habe ich habe mittlerweile so viel Erfahrung in der Treppenstaffel, hab so viel trainiert wie noch nie und dann das. Es war furchtbar. Zwischendurch zwickte es mal in der Wade und ich ging zur zweiten Massage. Vorne zogen 3 Teams ihre Runden, auch das 4. Team zog von uns weg. Nach hinten wurde Platz 5 immer sicherer. Im Prinzip sollten auch meine langsamen Zeiten reichen. Ich durfte nur nicht ausfallen. Die Sonne schien mittlerweile, es wurde wärmer, es kamen immer mehr Zuschauer, eigentlich hätte es ein schöner Tag werden können. Wäre da nicht diese blöde und auch völlig unerwartete Quälerei gewesen.

Jetzt waren zwar noch über 20 Runden zu absolvieren, aber das Ende war überschaubar, Enrico und Timo sahen immernoch gut aus. Die ersten 3 Team kamen ins Ziel. Sie hatten jeweils Zeiten, die die letzten 2 Jahre zum Sieg gereicht hätten. Das waren starke Leistungen. Als dann klar war, dass wir mit 2 oder 3 Runden Vorsprung in die letzte Runde gehen würden, wollte ich die unbedingt selber laufen. Die Abschlussrunde war das einzige, was ich noch nicht gemacht habe an der Treppe. Ich wollte so langsam wie möglich laufen. Schließlich will ich das nie wieder machen. Standesgemäß zwickte es mehrfach in der Wade, ich holte mir bei Maskottchen Clara die Medaillen für das Tema ab und ging ganz langsam mit einem breiten Grinsen die Treppen hoch. Unterwegs beglückwünschten mich alle anderne Teilnehmer.

Beim Zielfoto fehlt allerdings unser 4. Mann Jürgen Zeiske, er hat sich während des Wettkampfes super um alles gekümmert. Wir konnten die Köpfe komplett abschalten und mussten nur laufen. Er war ein echter Gewinn fürs Team.

Im Ziel war ich nicht stolz oder glücklich sondern einfach nur froh, dass es vorbei war. Alles andere war mir egal. Während Enricos Grinsen immer breiter wurde und Timo immer begeisterter vom Treppenlauf sprach, war diese Staffel für mich wirklich Extremsport und definitiv eine Grenzerfahrung. Wenn das Folter gewesen wäre, ich hätte alles gesagt.

Trotz meiner schlechten Performance hätte unsere Zeit im Vorjahr für Platz 2 gereicht, als Team waren wir sehr gut. Das Rennen war wirklich stark besetzt. Nicht nur die Staffelzeiten waren schnell, auch bei den Einzelläufern schaffte über die Hälfte die 100 Runden, normal wären 25%. Timo fragte schon nach einem Team fürs Folgejahr, aber: Ich mach das nie wieder! Ich habe mich noch nie so gequält, diese Schmerzen in Waden, Oberschenkel und Hinterteil hatte ich nicht gebucht! Im Ziel aß ich dann endlich alles, worauf ich bisher aus Angst verzichtet hatte. Mir war egal was passiert, denn es konnte ja nicht mehr schlimmer werden. Falls ich es noch nicht erwähnt habe, ich mach das nie wieder!

Am Tag nach dem Wettkampf lies mich die Frage nicht los, was da passiert war. Direkt am Morgen stellte ich mich auf die Waage und die naheliegende Ursache zeigte sich: Ich weiß zwar nicht wieso aber mein Gewicht war wieder angestiegen, obwohl ich mich gut ernährte. Ich hab also nicht beim Treppenlauf, sondern beim Treppenlauf mit Rucksack mitgemacht. Da standen 3-5kg zuviel! Dann ist natürlich klar, dass bei der Hälfte des Wettkampfs die Oberschenkel im Eimer sind. Also begann ich zu rechnen: Timo wird x Sekunden schneller pro Runde durch spezifisches Training, ich kann die Anfangszeiten halten mit 5kg weniger, wo würden wir denn da rauskommen 2016? …