Treppen wohin das Auge blickt - 2. Platz beim Treppenlauf Radebeul

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Am 12. Und 13. April war es wieder soweit: der Treppenlauf in Radebeul stand an. Auch diesmal ging es wieder 100 Runden die Spitzhaustreppe hoch und runter. Dabei war eine Distanz von 84km zu überwinden, es ging 8848m oder 39.700 Stufen hoch und runter. Noch mehr Statistiken unter: http://www.treppenlauf.de Der Treppenlauf ist weniger eine reine Leistungsschau sondern hat einen besonderen Flair. Man freut sich für jeden, der ins Ziel kommt, man sieht sich eher als große Familie.

2011 war ich zum ersten Mal als Zuschauer beim Lauf, 2012 probierte ich eine Rune in der 100er Staffel. Unvergessen, wie man sich in einer Runde (die ca. 6:30min dauerte) so abschießen konnte, dass ich 4 Tage nicht richtig laufen konnte. Im Vorjahr dann die 3er Staffel und der Überraschungssieg. Auch dieses Jahr trat ich in einer 3er Staffel, genannt Dreierseilschaft, an. Die Regeln sind einfach:

·         3 Läufer = 1 Team = 100 Runden

·         Immer nur ein Läufer pro Team auf der Strecke

·         Jeder Läufer läuft mind. 25 Runden, die Aufteilung ist dem Team selbst überlassen

·         Start ist Sa 22Uhr und man hat bis So 16Uhr Zeit

Für die Kopfjaeger traten Franco, ich (Ralf) und als neuer Treppenläufer Kopfjaeger-Gast Jean-Marie Birkenmaier an. Aus dem siegreichen Vorjahresteam fehlte Taktikfuchs Stefan Wolf. Die neue Teamaufteilung:

·         Ich: Taktik

·         Franco: Schnelligkeit

·         Jean Marie: Kultur und Weltgewandtheit

Seit November trainierten Jean-Marie und ich jede Woche an der Treppe und zogen ein klassisches Wettkampftraining durch. Außerdem war mir wichtig Franco vom Trainieren abzuhalten, denn:

·         Er hätte sich verletzen können!

·         Er hätte gemerkt dass es anstrengend ist!

·         Er hätte sich Fragen können, welchen Sinn es macht, 100 Mal eine Treppe hoch und runter zu laufen!

Für Jean-Marie und mich wurde das Training zum festen Bestandteil der Woche, wir trainierten im Dunkeln und bei Tageslicht, bei Schneegraupel, Sonnenschein, Wind und Nieselregen, wie das Bild bestätigt. Kenner wissen auch, dass man nach einer Stunde Treppentraining so fest schläft wie mit Schlaftabletten (das kenne ich weder von Rad, Kraft noch Marathontraining - Geheimtipp). Jean-Marie entwickelte sich dabei vom Schüler zum Meister. Er zog sich doch meinen Unmut zu, weil ich bei einigen Trainingseinheiten nicht bei ihm mitkam. Wir waren also perfekt vorbereitet.

So perfekt aber dann aber leider doch nicht, denn während Franco langsam ungeduldig wurde hatten Jean-Marie und ich bei der Fahrt zum Wettkampf Probleme mit einer Umleitung Die Zeit bis zum Start wurde knapp. 30min vor dem Start erreichten wir mithilfe des Veranstalters das Basislager, nach dem Umziehen ging‘s im Prinzip schon los. Wenigstens kam so keine Sinnfrage auf und Francos Puls war gleich mit aufgewärmt.

Dann ging‘s auch schon los. Wie im Vorjahr durfte ich die Startrunde laufen und wie im Vorjahr beendete ich sie im Mittelfeld. Im gesamten Teilnehmerfeld gab es ziemlich viele schnelle Läufer. Die Frage war, wie schnell sind alle noch in 5 oder 10 Stunden?

Die ersten 2 Stunden liefen relativ routiniert ab. Ich fühlte mich nicht so locker wie im Vorjahr, dafür waren meine Zeiten aber schneller. Jean-Marie lief fast identische Zeiten zu mir und Franco gehörte wie immer zu den schnellsten auf der Strecke. Auf dem ersten Platz zogen erfahrene Treppenveteranen ihre Bahnen und hatten relativ schnell einen Rundenvorsprung, wir waren dahinter in etwa gleichauf mit 2 anderen Teams. Allerdings sind Positionen erst nach 85 Runden aussagekräftig und die Brechstange kann man höchstens die letzte Stunde rausholen. Einziges negatives Highlight war, dass ich fast einen Unfall mit einem 100er-Läufer provoziert hätte. Durch das häufige Training im Dunkeln hatte ich anders als im Vorjahr keine Probleme mit Schatten oder den Verhältnissen an sich.

Nach 2-3 Stunden wurden meine Zeiten dann langsamer und der anders als im Vorjahr hatte ich durchaus Bedenken, überhaupt anzukommen. Woran es lag weiß ich nicht, aber jede Runde wurde ein kleiner Kampf und die Lockerheit, die ich vom Vorjahr kannte, war weg. Gleichzeitig hatte ich ein etwas komisches Gefühl im Bauch. War die Fressorgie in der Woche zuvor doch zu viel?

Gegen 4 Uhr hatten wir uns auf Platz 3 eingependelt, nach hinten hatten wir eine Runde Vorsprung, das Team auf Platz 2 hatte maximal eine Runde Rückstand. Ich fühlte mich jetzt schon recht kraftlos ohne sagen zu können, woran es lag. Manchmal kam mir in der Mitte der Treppe die Idee, einfach ganz langsam hoch zu gehen und erstmal ne Stunde Pause zu machen. Ein Blick auf die Uhr half dann aber denn ich sah, dass ich zwar langsamer als im Vorjahr aber insgesamt noch akzeptable Zeiten lief. Ein ernsthaftes Problem deutete sich an, als es ohne Vorwarnung im rechten Oberschenkel zwickte. In der nächsten Runde versuchte ich betont locker zu laufen, aber da hatte ich schon größeres Zwicken. Glücklicherweise zwickte es nicht beim Treppenaufstieg, sodass ich fast ohne Zeitverlust die Treppe hochkam und direkt ins Massagezelt ging. Hier wurde mein Oberschenkel professionell aber doch schmerzhaft durchgeknetet. Nachher war das Zwicken verschwunden, bis auf die schon bemerkte fehlende Kraft war eigentlich alles ok. Dennoch fühlte es sich sehr anstrengend an und der Wettkampf fiel mir wesentlich schwerer als im Vorjahr. Mit etwas Abstand denke ich, ich hab zu wenig gegessen, zu wenig Kohlehydrate zugeführt. Ich hatte zu viel Angst, dass mein Magen aussteigt. Im Vorjahr passierte das ja auch kurz vor Sonnenaufgang.

Dann begann es zu regnen, was zwar angesagt war und worauf ich durch ausreichend Klamotten vorbereitet war, dennoch hatte ich Bedenken, dass es glatt wird. Tatsächlich gab es hinter mir auch einen Unfall auf dem Kopfsteinpflaster, wo ein schneller Hunderterstaffelläufer (100 Mann laufen 1 Runde) im Sprint ausrutschte.

Noch vor Sonnenaufgang erreichte der erste Einzelläufer das Ziel mit neuem Streckenrekord. Obwohl ich finde, dass die Bedingungen deutlich schwerer waren als im Vorjahr, scheinen nicht alle mehr Probleme gehabt zu haben.

Der im Vorjahr wirklich spektakuläre Sonnenaufgang entfiel wegen bedecktem Himmel, stattdessen war es auf einmal irgendwie nicht mehr so dunkel. Der Abstand zum 4. Platz hielt, war aber nicht groß. Unsere Platzierung wechselte zwischen 2. Und 3. Platz. Um auf Platzierungen zu schauen war es aber noch zu früh, außerdem hätte ich sowieso nicht zulegen können. Dafür hielt mein Magen noch anders als im Vorjahr, ich konnte noch essen. Aufgrund der Erschöpfung lösten wir unsere Taktik auf und versuchten die Belastung zu reduzieren. Streckenrekordhalter und Vorjahresteammitglied Stefan hatte mir im Vorjahr ziemlich gut erklärt, worauf es ankam und wie man wann reagieren kann. (Eigentlich war es Ganz einfach, Franco muss einfach mehr Laufen und alle anderen weniger. Überhaupt, warum macht er nicht einfach allein weiter und ruft uns an wenn die Quälerei vorbei ist?) Zur Sicherheit besprach ich mich nochmal kurz mit der führenden Staffel „Schritt für Schritt“. Sie bestätigten, dass im letzten Drittel des Rennens meist mindestens einer Probleme bekommt und die Taktik angepasst werden muss.

Nachdem jetzt also eher von der Hand in den Mund gelebt wurde, lagen wir gegen 9Uhr und 88 Runden mit 2 Runden Vorsprung auf Platz 2 und wir hatten alle 25 Runden weg, sodass es wirklich realistisch wurde, den Lauf ins Ziel zu bringen. Dabei schauten wir eher auf Platz 4. Hier hatten wir mittlerweile 3 - 4 Runden Vorsprung, allerdings gab es noch einige schnelle Läufer im Feld und mir war nicht ganz klar, wer zu welchem Team gehörte.

Ob 2. Oder 3. war im Prinzip egal, ich hätte nicht mehr viel entgegenzusetzen gehabt. Die Taktik war jetzt eher Rahmen, wir legten immer 2 Runden im Voraus fest wer läuft. Die Drittplatzierten waren schneller, allerdings wurde es mit jeder Runde die wir absolvieren schwerer, schließlich mussten sie uns mehrfach überholen. Ich schaute ab und zu mal auf die Uhr und merkte, dass sie innerhalb von ca. 3-4 Runden eine halbe Runde aufgeholt hatten. Mit der Brechstange war es also durchaus möglich, noch auf Platz 2 vorzulaufen. Ich könnte jetzt Sätze schreibe wie: „Wir mobilisierten die letzten Reserven“ etc., bei mir gab es allerdings keine mehr. Im Prinzip lief ich jede Runde seit 1Uhr am Limit, wirklich ernsthaften Angriffen hätte ich nichts entgegenzusetzen gehabt. Jean-Marie ging es ähnlich. Allerdings machte sich jetzt unser Training bezahlt. Obwohl wir völlig am Ende waren, gehörten wir trotzdem zu den schnelleren Läufern im Feld. Franco hätte sich vermutlich gewehrt, aber auch seine Zeiten waren nicht mit den vom Vorjahr oder denen zu Beginn/Mitte des Rennens zu vergleichen. Im Vorjahr liefen zu Ende die schnellsten Zeiten, jetzt waren wir froh dass wenn jemand anderes dran war. Die Uhr tickte allerdings mit jeder Runde für uns, denn es war einfach immer weniger Zeit da, um den Rückstand aufzuholen. In Runde 93 hatten wir immer noch 1 Runde und 2min Vorsprung auf Platz 3 und ca. 7 Runde Vorsprung auf Platz 3. Das hieß, neben Ankommen war jetzt auch ein Podium realistisch. Im Prinzip reichte der Vorsprung auf Platz 4 aus, um ihn auch mit dem Ausfall eines Läufers ins Ziel zu bringen.

Der Abstand zu Platz 3 blieb in etwa konstant, sodass scheinbar die Brechstangenattacke unterblieb. Jetzt zwickte die rechte Wade wieder, aber es war zu spät. Auch Platz 2 war jetzt immer sicherer. In Runde 97 kam noch ein Arbeitskollege vorbei, was sicherlich ein weiteres Highlight war. In den Runden 98, 99 und 100 durfte nochmal jeder von uns ran. Es hatte funktioniert, wir waren im Ziel und hatten einen Platz auf dem Treppchen erreicht. Das war alles andere als selbstverständlich. Ich hatte wesentlich mehr Probleme als im Vorjahr und war mir bis weit in den Morgen hinein nicht sicher, das Ziel zu sehen. In den schweren Momenten half mir aber mein Team, denn ich hatte schlicht Angst von ihnen gelyncht zu werden.

Insgesamt war es auch dieses Jahr eine Top organisierte Veranstaltung, professionell und familiär zugleich. (Die Massagen sind länger als mit Kassenrezept!) Außerdem ist es faszinierend, dass sich wirklich jeder für jeden freut, der das Ziel erreicht. Wenn man andere Teilnehmer wiedertrifft, freut man sich. Das einem die direkte Konkurrenz in schweren Situationen hilft, ist wohl fast einmalig.

 

Kleiner Nachtrag: Mir wurde jetzt von mehreren Leuten bestätigt, dass ich letztes Jahr athletischer aussah! Kein Wunder, dass es dieses Jahr so anstrengend war!

 

Die Bilder gibt’s hier: https://www.facebook.com/media/set/?set=a.608212352602581.1073741902.299962490094237&type=1

3 Helden kurz vorm Ziel: https://www.facebook.com/LaufszeneSachsen/photos/a.608212352602581.1073741902.299962490094237/608222205934929/?type=3&theater

 

3 Helden im Ziel: https://www.facebook.com/LaufszeneSachsen/photos/a.608212352602581.1073741902.299962490094237/608225035934646/?type=3&theater