Mt. Everest Treppenmarathon 2016 - Treppen, Massagezelt, noch mehr Treppen

Erstellt von Ralf | |   Laufsport | Marathon

Beim Mount Everest Treppenmarathon in Radebeul bei Dresden geht es darum, eine Streckenlänge von 84,39 km und einen Höhenunterschied von 8848m zurückzulegen, den Großteil davon auf einer Treppe an einem Weinberg. Das Ganze ist verteilt auf 100 Runden. Ein Bericht auf den Seiten der Deutschen Ultramarathon-Vereinigung bezeichnet dabei den Lauf als „den schwersten und größten Extremtreppenlauf der Welt“. Timo, Jörg und ich wollten die Strecke als Team (3er Seilschaft) zurücklegen, d.h. jeder läuft rund ein Drittel der Strecke. Weitere Informationen gibt es unter www.treppenmarathon.de oder auf Nachfrage.

Nachdem es im letzten Jahr doch eine sehr zähe Angelegenheit war, entschloss ich mich im Herbst entgegen meiner ursprünglichen Planung doch wieder am Treppenlauf teilzunehmen. Mit Timo und Jörg hatte ich auch dieses Jahr erstklassige und sehr angenehme Teamkollegen. Außerdem gab es eine Premiere: Die Besetzung des Teams blieb seit Oktober 2015 unverändert; keine Verletzungen oder Absagen.

Das Training für die Treppe nahm im Gegensatz zu den letzten Jahren einen untergeordneten Stellenwert ein. Zum Einen sind die Trainingsmöglichkeiten in Ingolstadt sehr eingeschränkt mangels Berge, zum Anderen nahm das Triathlontraining wesentlich mehr Zeit als sonst in Anspruch. Insgesamt war ich nur an 3 Wochenenden in Dresden, um die Stufen mal probehalber zu erklimmen, statt wöchentlich speziell für die Treppe zu trainieren. Insgesamt fühlte ich mich sehr fit, habe sehr viel trainiert, aber es fehlte halt die Spezialisierung. Ich versuchte neben klassischem Lauftraining auch etwas zu improvisieren mit Langhantel und Fitnessbändern. Das Training und die kleinen Tests zeigten Licht und Schatten, so dass ich bis zum Rennbeginn nicht richtig wusste, wo ich stand. Auch mit der Ernährung wollte ich ein paar neue Dinge ausprobieren.

Als ich an der Spitzhaustreppe eintraf, war ich dementsprechend aufgeregt und freudig zugleich. Viele alte Bekannte hatte ich schon lange nicht mehr gesehen. Die erste Hürde hatte unser Team auch gut genommen, obwohl wir uns seit April 2015 bzw. Juni 2015 nicht mehr begegnet sind, haben wir uns gleich wieder erkannt. Besprechung, umziehen, dann ging es im Prinzip auch schon los.

Mitternacht war der Startschuss. Ich durfte die Einführungsrunde laufen und war gespannt. Viele andere Teams rannten los als wäre nach einer Runde Schluss. Ich hab eher versucht meinen Rhythmus zu finden und auf die Lauftechnik zu achten. Dabei fiel mir auf, dass das Treppe runter laufen ziemlich verkrampft und nicht flüssig war. Beim Hochlaufen war ich anfangs positiv überrascht, das hatte ich mir schlimmer vorgestellt und auch von meinem Training schlimmer in Erinnerung. Auch hier fiel mir aber auf, dass es etwas hölzern war. Ziel für die Anfangsphase war also sich auf saubere Technik zu konzentrieren. Was meine Teamkollegen Timo und Jörg laufen würden, war auch interessant. Die beiden hatten schnell ihren Rhythmus gefunden und liefen gute Zeiten wie Uhrwerke.

In der Anfangsphase war erstaunlicherweise zu sehen, wie viele schnelle Teams es gab. Nicht nur in der Geschwindigkeit war eine deutliche Professionalisierung zu beobachten. Wir waren eines der wenigen Teams ohne extra Betreuer. Auch taktisch hatten die anderen Teams deutlich zugelegt. Das Niveau der Teams war also sehr hoch. Allerdings war die Atmosphäre nicht so entspannt wie in den Vorjahren. Auf der Strecke wurde schon immer verbissen gekämpft, trotzdem fand ich, dass in den Vorjahren mehr Rücksicht genommen wurde und auch die Atmosphäre im Start- und Zielbereich deutlich lockerer war.

Im ersten Zehntel des Rennens fand ich langsam meinen Rhythmus und mein Team erwies sich in jeder Hinsicht als echter Glücksgriff. Sie waren sehr angenehme Zeitgenossen und liefen konstant gute Zeiten. Meine Zeiten waren stabil auf dem Niveau wie in den trainingsintensiven Vorjahren. Sehr positiv waren die Temperaturen. Während in den Vorjahren die Nachttemperaturen gegen den Gefrierpunkt fielen, waren die ca. 8 Grad sehr angenehm. Man konnte problemlos ohne Jacke und Mütze laufen. Der Wetterbericht verhieß nichts gutes, aber im ersten Drittel des Rennens waren die Bedingungen sehr gut. Unsere Zeiten waren das ebenfalls; so konnte es weiter gehen.

3:30 Uhr fing es dann an zu regnen. Während Timo und Jörg damit sehr gut zurecht kamen und die gleichen Zeiten liefen wie vorher, hatte ich Angst auszurutschen und lief jeden Runde ca. 20 Sekunden langsamer. Da eine Platzierung auf dem Treppchen schon jetzt ausgeschlossen war, war das im Prinzip auch verschmerzbar. Allerdings sparte ich dadurch keine Kraft, da die Zeit hauptsächlich bergab verloren ging. In einigen Runden wurde ich teilweise bergab von anderen Läufern deutlich distanziert, um sie bergauf dann wieder einzuholen. Da wegen des Regens alle Teilnehmer ins Zelt gingen während ihrer Laufpausen, wurde es da recht eng. Nach einiger Zeit wurden auch die nassen Klamotten zum Problem. Es machte keinen Sinn das trockene paar Schuhe oder Hosen anzuziehen, da sie relativ schnell wieder durchnässt würden. Andererseits war es etwas unangenehm im Wasser zu stehen. Von einigen Trainingskollegen als Materialsportler verschrien zeigte sich jetzt das Gegenteil: Mir fehlte eine hochwertige Regenjacke. Den Vorwurf will ich also nicht mehr hören! Viele Teilnehmer schauten jetzt auf ihre Wetterapps, die Prognosen für das Ende des Regens reichten von 8 bis 11Uhr. Dazu war es noch immer dunkel und ein Großteil der Strecke lag noch vor uns. Unsere Platzierung hatte sich mittlerweile stabil auf Platz 7 eingependelt, Timo und Jörg liefen wie Uhrwerke konstant schnell und ich war mit meinen Zeiten auch ganz zufrieden. Die Zeiten, die wir liefen, hatte ich vor dem Rennen als für uns positivsten Fall vorhergesagt, allerdings hätte ich nicht geglaubt, dass sie nur für Platz 7 reichen. 2013 und 2014 hätten wir mit ihnen um den Sieg oder Treppchen gekämpft. Egal, erstmal Zeit fürs Massagezelt, denn so langsam wurden meine alten Knochen und Muskeln müde.

Um 4:50 Uhr hörte man das erste Vogelgezwitscher, was den Sonnenaufgang ankündigte. Allerdings regnete es noch und so langsam hätte es auch aufhören können zu regnen. Naja, so konnte ich wenigstens die komplette Kollektion meines Laufequipments präsentieren. Außerdem nahm wahrscheinlich durch den Regen der Zusammenhalt der Teilnehmer untereinander und auch die Rücksicht auf der Strecke zu. Im Teilnehmerzelt gab es mittlerweile einige größere und kleinere Pfützen und was ich nicht rechtzeitig erkannte, auch meine Tasche stand in einer solchen. Dementsprechend fiel die Hälfte meiner Klamotten (ich würde sagen die schönsten) dadurch aus, weil sie völlig durchnässt waren durch die Tasche in der Pfütze. Nächste Herausforderung: Klamotten sparen bei einem schweißtreibenden Wettkampf wo es noch dazu regnet und der vermeintliche Materialsportler keine Regenjacke besitzt.

6 Uhr meldete sich meine rechte Wade und krampfte, leider brachte auch eine Massage keine Besserung. Es war aber noch zu früh für den Schongang, ich musste meine Anteile laufen, sonst wären wir nicht ins Ziel gekommen. Aus den Vorjahren wusste ich aber, dass man es mit etwas Vorsicht schafft, auch wenn es ab und zu mal zwickt. Außerdem ein Grund noch öfter ins Massagezelt zu gehen, da war es schön. Timo und Jörg liefen immer noch konstant gute Zeiten, waren guter Laune und machten nicht mal Anstalten ins Massagezelt zu gehen. Im Nachhinein bin ich mir gar nicht sicher, ob sie überhaupt gegessen und getrunken haben. Eigentlich hätte es auch schon hell sein sollen, irgendwie war es aber doch noch ziemlich dunkel.

6:30 Uhr hörte der Regen dann tatsächlich auf, das war ein echtes Highlight. Die Strecke war aber noch nass und sollte auch bis Rennende nicht mehr abtrocknen. Ich konnte in das trockene paar Laufschuhe, sowie die einzig verbliebene trockene Hose wechseln. Jetzt machte es trotz Wadenproblemen sogar wieder Spaß, das Ende des Regens gab mir richtig Auftrieb. Eine Stunde später hatte ich zwar noch gute Laune, allerdings schwächelte ich langsam. Meine Zeiten wurden langsamer und ich war muskulär ziemlich ermüdet. Das war zwar nicht ganz unerwartet, aber etwas dagegen unternehmen konnte ich nicht. Ernährung klappte gut, keine Magenprobleme und bis auf leichten Nieselregen ab und an hielt auch das Wetter. Das Ziel war zwar noch weit weg aber mein Anteil bis dahin war überschaubar. Jörg und Timo wussten Bescheid und sagten ich soll mir halt mehr Zeit lassen. Mich jetzt schon weniger einzuplanen war eigentlich auch noch zu früh.

Nach 85 Runden war es dann doch ziemlich akut und ich sehnte das Ende herbei. Die Zuschauer waren wieder zahlreich vorhanden, trotz wechselhaftem Wetter, der Sprecher moderierte wieder, die Musik spielte und meine Teamkollegen liefen immer noch Zeiten wie zu Beginn des Rennens. Spaß war es jetzt aber keiner mehr. Laufen konnte man das nicht mehr nennen, und auch die linke Wade krampfte. Im Vergleich zur Mitte des Rennens bin ich ziemlich zusammengebrochen. Allerdings bereitete mir mein desolater körperlicher Zustand keine mentalen Probleme, was ein gutes Zeichen war.

Als ich meine letzte Runde lief, war es dann völlig vorbei. Es zwickte an Waden, Oberschenkel und Bauch (warum auch immer), die Zuschauer mussten grinsen als sie mich abwechselnd staksen oder wie eine Ente watscheln sahen. Ich stellte mir vor, wie das wohl aussieht und musste auch lachen. Am Ende der Runde war ich erleichtert, dass es vorbei war, Timo und Jörg liefen die letzten 3 Runden, dann war es geschafft.

Timo lief die Schlussrunde, die wirklich etwas ganz Besonderes ist. Nachdem man die Treppe runter gelaufen ist, bekommt man unten die Medaillen und Blumen für alle drei Teammitglieder überreicht und läuft dann damit die Treppe wieder rauf. Fast jeder Läufer dem man begegnet gratuliert. Und dann wieder oben angekommen sind wir zu Dritt unter dem Beifall vieler Zuschauer ins Ziel gelaufen. Da haben sich über 12 Stunden Treppenlauf mehr als gelohnt.

Am Ende blieb es bei Platz 7 mit Abstand nach vorn und hinten. Trotz der schweren Bedingungen hätte die Zeit 2014 noch zum Treppchen gereicht. Hier sieht man das extrem gestiegene Niveau der Teams. Es war schön, so viele bekannte Gesichter wieder zu treffen und mit 2 Klasse Athleten im Team zu sein. Die Siegerstaffel mit Stefan Wolf, Daniel Wolf und Jan Fiebig waren alte Bekannte (Stefan und Daniel sind auch schon in Staffeln mit mir für die Kopfjaeger gestartet), auch die Einzelsieger Kai Böhme und Frank Wittwer stehen nicht nur zurecht da wo sie sind, sondern gehören auch zu den angenehmsten Zeitgenossen, die man bei Wettkämpfen antreffen kann. Außerdem vielen Dank an das Orga Team, die Helfer und vor allem die vielen fleißigen Hände im Massagezelt.