Treppenlauf 2010

Erstellt von Martin Herrmann | |   Laufsport | Marathon

Der Artikel sollte sich ursprünglich - Phantasien der Treppe - auf ein Wort beschränken "UNBESCHREIBLICH". 

Da aber die Gefahr der Nachahmung und der Verdrängung, somit der eigenen Wiederholungstat besteht gehe ich im Folgenden auf Risiken und Nebenwirkungen ein. 

Anderthalb Stunden vor Wettkampfbeginn begaben wir, Andreas und ich, uns mit unserer treuen Betreuerin Steffi nach Radebeul, bezogen in einem Militärzelt für die nächsten 24 Stunden Quartier und ließen uns in entspannter Atmosphäre Startnummern und Transponder aushändigen. Steffi bezog ein gediegeneres Zimmerchen in der Nähe und kurz vor 16 Uhr standen wir Ahnungslosen am Start. "Nur noch 99 Runden" spaßten wir nach den ersten 794 Stufen, die wir einmal runter und dann wieder hochgelaufen waren. 

So einfach beginnt ein Treppenmarathon, der darin endet die Kopfjaegerphilosophie am eigenen Leib auszuprobieren und in dem Fall weniger sportliche Gegner als ein ums andere Mal seinen eigenen Kopf zu besiegen.

25 Durchgänge waren im Vergleich zu dem was kommen sollte mühelos und in guter Rundenzeit erstiegen. Diese lag zwischen neun und zehn Minuten, obwohl wir in der Vorbereitung mit ca. 12 möglichen Minuten gerechnet hatten um mit Pausen in den vorgegebenen 24 Stunden sicher durchzukommen. Die Strategie bestand im Aufteilen der 100 runden auf zehn mal zehn Blöcke. 

Die Stimmung an der Treppe war gut, jedoch nach den ersten drei Stunden deutlich ruhiger geworden. Andreas und ich lichteten uns nach jeweils zehn Runden mit von Andi vorbereiteten Schildern ab und waren mit der Einstellung "hoffentlich bleibt es lange so wie es gerade ist" meinten damit Schmerz- und Erschöpfungsgrad unterwegs.

Es ist nach Mitternacht, wir haben das Schild mit der 50 in der Hand und liegen zeitlich gut im Rennen. Andi und ich sitzen im Zelt und überlegen, ob wir "noch mal sooo viel" oder "jetzt wirds mit jedem Mal weniger" denken sollen. Jeder denkt sich seinen Teil, wir ziehen frische Klamotten an und stiefeln mit Schnitte in der Hand und Musik im Ohr in die Nacht. 

Es ist ruhig an der Treppe, die Dreierseilschaften und die Touristenstaffeln haben ihren ersten Elan in Höhenmeter umgesetzt, nur vereinzelt stürzt ein Schüler mit den Füßen aufklatschend an einem vorbei und löst kurzes Erschrecken aus. Einige Läufer sind bereits ausgestiegen und die Zuschauer sind reduziert, aber eisern an der Strecke. Danke an alle, die nachts dabei waren und das ein oder andere Lächeln in mein Gesicht zauberten.

Einfach laufen, im eigenen Rhythmus laufen und innerlich die Daumen drücken, dass die Schmerzen nicht mehr werden oder gar laufen unmöglich machen. Auch wenn ich es nach einer Woche fast verdrängt habe, die Abstiege waren ab Durchgang 50 mit Schmerzen und später mit riesiger Überwindung und Zähne zusammenbeißen verbunden. 

Irgendwann nach 4 Uhr zeichnet sich der Sonnenaufgang ab, wenig später wärmt sie wieder und Steffi steht nach kurzer Nacht als weiterer Lichtblick am oberen Ende der Treppe. Das bewusste Erleben des Erwachens der Natur, die Vögel waren mindestens eine Stunde vor Sonnenaufgang munter, ist immer wieder ein Erlebnis, auch wenn man es nicht im Liegestuhl erlebt. Es sind noch etwas mehr als 20 Durchgänge zu laufen doch die bereits absolvierten verlängern gefühlt jede Runde mit festen Beinen, einem schmerzenden rechten Knie und einer überaus genervten linken Achillessehne. Vor jedem Abstieg überlege ich, ob ich´s mir noch einmal gebe, bin aber fest entschlossen die Treppe und mich zu besiegen um am Ende um diese Erfahrung gestärkt durchs weitere Leben zu gehen. Unsere Unterstützter sind auf eine stimmungsmachende Truppe angewachsen und unterstützen uns lauthals, mit Jubel, Drohungen oder mit "Zwangsernährung".

Nach Runde 85 suche ich das Massagezelt auf um mich zu vergewissern, dass die Achillessehne noch nicht gerissen und beim Knie auch alles den Umständen entsprechend in Ordnung ist. Heilende Hände lassen mich kurz zuckend einschlafen und die Masseurin bestätigt, dass zwar die Kniescheibe nicht an ihrem Platz aber alle Schmerzen lediglich durch Überlastung, nicht durch Verletzung verursacht sind. Ein kurzes Interview gebe ich dem MDR und bestätige, dass ich nichts bereue, aber eine Wiederholung zum Befragungszeitpunkt ausschließe.

Die letzten 15 Durchgänge erlebe ich halb in Trance und wie Madeleine treffend beschrieb als zähes Gummiband. Jeder Durchgang ist die pure Überwindung und Willensstärke. Andreas habe ich vor einer guten Stunde abgeklatscht, er ist bereits angekommen. Die letzte Runde genieße ich als Abschied und irgendwoher gibt es sogar Körner für einen "Schlussspurt" - Foto, Massage, Erschöpfung, Ekstase! Andreas kam nach 18:58:23 als 7., ich nach 20:15:44 als 12. von insgesamt 28 Durchläufern und 3 Durchläuferinnen ins Ziel.

Als wir am Nachmittag bei der Siegerehrung stehen wird ansatzweise bewusst, dass es vorbei ist, das Gipfelkreuz wird unsere Namen tragen unabhängig von Zeit oder Platzierung merke ich, dass die Treppe ein großer persönlicher Sieg war, der bleibt, was immer auch kommt.

Vielen herzlichen Dank allen, die uns an der Strecke unterstützt haben, ganz besonders Steffi, die gefühlt durchgehend da war und sich um uns gekümmert hat.